Stadt der Zukunft – wie sich Gewohnheiten ändern müssen (Teil 2)

Wie auch im ersten Teil unseres Beitrags „Stadt der Zukunft – wie sich Gewohnheiten ändern müssen“ betrachten wir weitere innovative Ideen und Wege, um unser Leben in der Stadt nachhaltiger und zugleich lebenswert zu gestalten.

 

Die Stadt als vertikaler Anbau-Spot

Denkt man an Landwirtschaft so bekommt man schnell Bilder von hektargroßen Feldern, körperlich intensiver Arbeit, schweren Maschinen und dergleichen in den Kopf. Landwirte die Städter sind? Eher ungewöhnlich. Doch eben dieses Bild sogenannter Stadt-Landwirte bildet eine neues Glied in der Erzeuger-Kette unserer Nahrungsmittel.

Christian Echternacht aus Berlin ist so ein Stadt-Landwirt. Sein Geld verdient er mit der Zucht von Barschen und Basilikum. Nicht aber in ländlicher Idylle sondern auf einem Fabrik-Gelände in Berlin-Schöneberg. Mit jährlich 14.000 Fischen und rund 450.000 Töpfen der Kräuterpflanze ist er und mit seinem Team zu einer festen Größe am lokalen Markt gewachsen. Verkauft wird direkt vor Ort oder via Internet. Zudem beliefern sie ca. 300 REWE-Niederlassungen in Berlin und Brandenburg.

Auf den ersten Blick wirkt das Firmengebäude wie ein typisches Gewächshaus. Der Clou versteckt sich auf dem Dach. Hier stehen Zisternen, welche Regenwasser sammeln. Anschließend wird dieses gefiltert, um dann in die 15 Fischbecken zu fließen. Das „Abwasser“ der Fischbecken gelangt dann über ein Rohrsystem in die Halle, in der das Basilikum wächst. Hier wird es final zur Düngung verwendet. Die benötigte Energie bekommen sie aus LED-Lampen und Strom, welcher wiederum aus dem Wind und der Sonne gewonnen wird.

Die herkömmliche Landwirtschaft ist beim produzieren von Treibhausgasen ein ähnlich großer Schadstoff-Verursacher wie der Verkehr. So liegen Unternehmen wie das von Echternacht zunehmend im Trend. Um der Nachfrage gerecht zu werden, baut er mittlerweile sogar für andere Unternehmer in Belgien und der Schweiz Stadtfarmen. Sie stehen für das dringend notwendige Umdenken in der Gestaltung von etablierten Strukturen. Ökologische Produktion, kurze Wege, regionaler Vertrieb – Vorteile die künftig von großem Wert sein werden.

Bereits vor mehr als 20 Jahren dachte ein New Yorker Professor über Farmen in der Stadt nach. So wollte er die Fassaden der Hochhäuser zur Zucht von Gemüse nutzen. Die vertikale Landwirtschaft war geboren. Heute werden Container und eben solche Hochhäuser bepflanzt. Im Bundesstaat New Jersey in den USA steht die weltweit größte vertikale Farm. 12 Etagen auf einer Fläche von 6.500 Quadratmetern können jährlich 900 Tonnen Gemüse produzieren. Im Vergleich zur üblichen Landwirtschaft ist der Ertrag pro Quadratmeter sage und schreibe 400 mal so hoch – viel Nahrung auf wenig Raum.

Fachleute sind sich einig, die Zukunft der Stadt liegt auf den Dächern und an den Fassaden. Ob zur Erzeugung von Nahrungsmitteln oder zur Reinigung der Luft – wo Singapur als Vorreiter gilt, müssen andere Städte baldigst folgen.

 

Baum ist nicht gleich Baum

Das Team um die Biologin Susanne Böll hat im Bundesland Bayern mehr als 650 Bäume aus 29 europauntypischen Arten gepflanzt. In den Kronen wurden technische Geräte montiert. Diese Technik sammelt seit 11 Jahren ununterbrochen Daten – Temperatur, Windstärke, eintretende Strahlung und mehr. Ziel ist es, die widerstandsfähigste Baumsorte zu finden. Grund ist das zunehmende Sterben unserer heimischen Bäume. Durch den Klimawandel stehen sie vor äußeren Einflüssen, denen sie scheinbar nicht mehr gewachsen sind. Sie verdursten, verbrennen, zerbrechen und sind anfälliger für Krankheiten.

Bäume die um ihr Überleben kämpfen, haben keine Kraft um die Temperatur in der Stadt zu kühlen, geschweige denn die Schadstoffe aus der Luft zu filtern. Unsere natürlichen Klimaanlagen sind defekt.

Da sich die klimatischen Bedingungen in Deutschland schneller ändern, als man zunächst annahm, gewinnt Bölls Studie zunehmend an Brisanz. Denn auch unsere Wälder müssen sich nun anpassen. Die für die Analyse gepflanzten Sorten sind normalerweise in Nordamerika, Asien und im Balkangebiet zuhause. Hier ähnelt das aktuelle Klima unserem zukünftigen. Man müsse jetzt handeln, denn in einigen Jahren werden Linden, Ahornbäume und andere typisch deutsche Sorten verschwunden sein. Sie sehen ähnlich aus, sind es aber nicht – Silberlinden, Morgenländische Platanen oder Gummibäume werden vor und in der Stadt das öffentliche Bild prägen, so die Prognose von Susanne Böll.

 

Trotz der katastrophalen Lage, in der sich unser Planet befindet, machen genau solche Projekte Mut. Dank neuer Visionäre kann es eine Zukunft geben, in der das Leben in der Stadt nicht auf Kosten von Mutter Natur stattfindet.

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