Der Ausverkauf im Leipziger Westen
7. April 2017

Der Ausverkauf im Leipziger Westen

Kulturelle Vielfalt weicht Einheitsläden, theoretisches Streben nach Nutzen- und Gewinnmaximierung, Überangebot – nur einige Schlagwörter, die man von Ur-Leipzigern hört, wenn der Ausverkauf im Leipziger Westen zum Thema gemacht wird. Doch was steckt dahinter?

Eine Reportage auf www.urbanite.net gab den Bewohnern und Händlern vor Ort die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Wohnungsleerstand und in die Jahre gekommene Häuser gehören schon bald der Vergangenheit an. Der Strukturwandel ist im vollen Gange. Kleine Betriebe und Unikate weichen den elektronisch öffnenden Glastüren der Einzelhandelsketten. Die Nachfrage nach Wohnraum ist groß, die Mietpreise steigen bis das Dreifache an und Gewinnmaximierung lautet das Stichwort, Überangebot die Folge.

Kosai Abd Alrahman, Inhaber der Volksbuchhandlung, wird seine Räumlichkeiten in der Karl-Heine-Straße 44 verlassen müssen. Der Hintergrund der Schließung ist exemplarisch. Der Alteigentümer wird das Haus an einen der vielen Interessenten verkaufen. Die dringend notwendigen Renovierungsarbeiten gehen mit Mietpreiserhöhungen einher, die Kosai nicht zahlen kann. „Es ist schwer, gleichwertige Räumlichkeiten für solch einen Preis zu bekommen. Die Mietpreise werden in Zukunft verdoppelt oder sogar verdreifacht. Für meine Bücher benötige ich allerdings 80 bis 100 m2. Eine derart große Fläche ist in Leipzig momentan schwer zu bezahlen. Erst recht, wenn die Geschäftsidee nicht auf reine Gewinnmaximierung ausgerichtet ist.“

„Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum 200 Meter neben einem regionalen Bioladen, eine Biokette eröffnen muss, oder zwei zusätzliche Bäckerfilialen. Das Verschwinden der Volksbuchhandlung bedauert sie sehr. Es sei ein weiterer Schritt in Richtung Vereinheitlichung des Straßenbildes, so Wahlleipzigerin Steffi, die am Tresen der Schaubühne Lindenfels sitzt. Sie hat in den vier Jahren, in denen sie im Leipziger Westen wohnt, viele Geschäfte kommen und gehen gesehen.

Plagwitz und Schleußig vermittelten das alternative Lebensgefühl zwischen Grünanlagen und Industriedenkmälern. Die durch die Stadt- und Reiseführer geschürten Erwartungen nach Kreativität und Individualität sind groß. Doch wird die Karl-Heine-Straße größer gemacht, als sie eigentlich ist? Trotz aller Tendenzen, ganz verschwunden sind die kleinen Läden noch nicht.

Der Marokkaner Redouan Miladi feierte kürzlich nach Umbauten die Wiedereröffnung seines Geschäfts Casablanca. Die kleine Stickerei Cindeling, die Drift-Buchhandlung und das La Cantina bleiben dem Straßenbild weiterhin erhalten. Weitere Neuankömmlinge, wie das Shui Haus oder Andrea Dipasquale, mit seinem italienischen Feinkostladen, lassen die auf der 2 Km langen Karl-Heine-Straße nieder.

Der Leipziger Westen glänzt mit internationaler Atmosphäre. Unter den Ladenbesitzern herrscht eine schöne, nachbarschaftliche Stimmung. Bei Problemen wird gegenseitig ausgeholfen. Das, und noch viel mehr, zeichnet den Leipziger Westen aus. Aus dem vermeintlichen Freiraum im Leipziger Westen hat sich eine Sensation entwickelt. So scheint es folglich nur 2 Möglichkeiten zu geben – entweder man zieht als Nomade weiter, oder man erträgt die kulturelle Vereinsamung. So oder so keine besonders individuellen Aussichten in einer Straße der Freiheitsliebenden.

Wir lieben die Stadt, in der wir leben und vor allem die kulturelle Vielfalt, die sich in #LeipzigLieblingsstadt kontinuierlich entwickelt. Der Leipziger Westen ist ein Paradebeispiel für das Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen; deren Ideen, Meinungen und Wege, die eigenen Lebensweisen Seite an Seite mit anderen Bewohnern des Viertels zu leben. Gleichzeitig ist es unser Anliegen, auch im Westen neuen Wohnraum für neue Bewohner zu schaffen. Diesem Widerspruch mit einem harmonischen Lösungsweg gerecht zu werden, fällt auch uns nicht immer leicht. Es bedarf einer offenen und gleichberechtigten Diskussion über eine sinnvolle Stadtentwicklung des Leipziger Westens. Hierzu müssen alle Parteien gehört werden, um einen langfristig sinnvollen und fruchtenden Weg zu erarbeiten. Bei weitem keine einfache Aufgabe, aber in einer Stadt mit diesem kreativen Potential – Gemeinschaftlich durchaus machbar!

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